Fokus

Fokus

Bilderfallen: Täuschung, Tarnung, Maskerade

»DAS TRUGBILD FOLGT NICHT IM GEHÖRIGEN ABSTAND ALS DRITTES AUF ABBILD UND URBILD: ES DRINGT IN DIE DINGE EIN UND ERSETZT DEN BEZUG AUF DEN EINEN PROTOTYP (DEN ENTWURF) DURCH EINE VIELFALT VON IDEEN, DIE IM OBJEKT KOEXISTIEREN, DAS EBEN DESHALB SEINE FORMKONSTANZ EINBÜSST.«
FRIEDRICH BALKE: ›EINLEITUNG‹, IN: MIMESIS ZUR EINFÜHRUNG, JUNIUS VERLAG, 2018, SEITE 15

Ein Trugbild hat eine enorme Kraft. Für einen bestimmten Moment hebt das Trugbild das, was wir als Wahrheit bezeichnen, aus den Ankern und lässt es in der Luft schweben. In dem obigen Satz des Bochumer Medienwissenschaftlers Friedrich Balke ist fast alles angesprochen, was im Fokus Bilderfallen zur Diskussion steht. Schauen wir ihn uns deshalb noch einmal an.

Ein Trugbild folgt also nicht wie ein artiges Kind im gehörigen Abstand seinen Eltern, Abbild und Urbild, sondern es verweigert sich un-artig der ihm vorgegebenen linearen und hierarchischen Reihung der Abfolge, die wir spätestens seit der Moderne im frühen 19. Jahrhundert als fort-schrittlich begreifen. Fort schreitet das Trugbild, die Bilderfalle, nicht, sondern es bleibt eher kleben, hängt fest, »dringt ein«, so Balke. Nachahmen, Verkörpern, Verkleiden und Camouflage – all diese Praktiken stören unser Verständnis eines heilen, klar definierten Körpers. Überhaupt ist die Körperlichkeit einer Bilderfalle unheimlich. Julia Kristeva hat es schon 1980 erklärt: Das Abjekt und die Abjektion machen uns Angst, denn sie ziehen den Tod vor ins Leben. Unheimlich im Freudschen Sinne ist die Bilderfalle aber auch, weil sie uns in die frühe Kindheit zurückversetzt, deren Erfahrungen in uns eingraviert sind, ohne dass uns von ihnen eine Erinnerung bleibt. Das Eindringen in den Körper, das Von-etwas-besessen-Sein bereitet uns ebenfalls Unbehagen, denn die körperliche Nachahmung ist schon seit der Frühmoderne, sagen wir seit der Entstehung der griechischen Philosophie, tabu. Die fahrenden Mimetiker des alten Griechenlands hatten es bei Platon schwer. Balke schreibt: »Die Mimetiker konkurrieren mit den Philosophen um nichts Geringeres als die Wahrheit: Denn wenn Wahrheit kurzerhand definiert werden kann als das, ›was vorstellbar ist‹ […], dann vermögen eben dies mimetische Techniken mit noch mehr Nachdruck als der umständliche theoretische Diskurs, den die Philosophen handhaben« (Friedrich Balke, Mimesis zur Einführung, a. a. O.).

Eine zweitausend Jahre alte philosophische Tradition prägt uns sicher noch heute, auch wenn sie durch andere Diskurse und Praktiken durchbrochen wurde. Was, wenn das Kartenhaus der Regeln, auf denen eine Gesellschaft (und vermutlich auch das ›Selbst‹) aufgebaut ist, anfängt zu wackeln? Und hiermit kommen wir noch einmal zum Zitat: Das trotzige Trugbild ersetzt den Bezug auf einen Prototyp durch eine Vielfalt von Ideen. Die Bilderfalle wird demnach zu einem Störer nicht von den Dingen an sich, sondern von ihren Bezügen zueinander. Die Bilderfalle schafft also Raum und Zeit zwischen den Dingen, die sich jetzt auf einmal frei bewegen können. Judith Butler nimmt diesen philosophischen Gedanken in ihrer bahnbrechenden Schrift Das Unbehagen der Geschlechter auf, wenn sie vorgibt, dass Geschlechtsidentität (›gender‹) doch eigentlich eine in der Zeit und in den Körper eingeschriebene Wiederholung ist (sie nennt es ›Performativität‹). In diesem Sinne gibt es keinen Kern. Stattdessen denken wir uns als unendliche, in die Zeit eingeschriebene Gesten.

Der Frage, was uns Bilderfallen aufzeigen und zu welcher Erkenntnis wir durch sie kommen können, stellt die Sektion Fokus sich und ihrem Publikum mit den Filmreihen Fake Space, Neue Archive und Kaleidoskörper. _Maxa Zoller

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