Programm

Internationaler Spielfilmwettbewerb für Regisseurinnen

Wir sind alle Petrunija

»INTERESSIERST DU DICH NICHT FÜR UNSERE GESCHICHTE?« –
»NEIN. ICH INTERESSIERE MICH FÜR DIE INTEGRATION DES KOMMUNISMUS IN DEMOKRATISCHE STRUKTUREN.«
(PETRUNIJA IN: GOD EXISTS. HER NAME IS PETRUNYA)

Als das IFFF Dortmund | Köln 2005 den Spielfilmwettbewerb für Regisseur*innen einführte, die sich mit ihrem Stil, ihrer Erzählweise und Haltung bereits etabliert hatten, war das zentrale Anliegen, ihr Werk sichtbar zu machen und zu würdigen. Die Quote der Arbeiten von Filmemacher*innen auf internationalen Festivals – vor allem in den prestigeträchtigen Sektionen – war über Jahrzehnte hinweg obszön niedrig. Aktuell finden wir dank ungezählter Initiativen von Kolleg*innen in aller Welt und dem Rückensturm von #metoo eine veränderte Situation vor. In vielen Ländern werden inzwischen Statistiken über die Teilhabe von Frauen in der Film- und Medienproduktion erhoben und die Vehemenz des Faktischen führt zu Erosionen des Status quo. Nach dem Motto ›Name it and shame it‹ ziehen Festival-Line-ups, die Regisseur*innen marginalisieren und Kommissionen ungleich besetzen, imageschädigende Shitstorms nach sich, die sich derzeit niemand leisten möchte. Damit haben sich binnen weniger Jahre Räume geöffnet. Die Ergebnisse lassen sich inzwischen positiv an den Produktionen ablesen: Die Zahl der Spielfilme der letzten beiden Jahre, die für den Wettbewerb des IFFF Dortmund | Köln formal in Frage kamen, ist deutlich angestiegen. Wichtiger als die Quantität ist jedoch die immense Formen-, Themen- und Personalvielfalt, die vom großen Selbstbewusstsein der Regisseur*innen im Umgang mit Genres und Erzählweisen zeugt. Unsere diesjährige Auswahl reicht vom stark dokumentarisch geprägten Erzählen in Sembra mio figlio oder Wajib bis zur brachialen Groteske (God Exists, Her Name is Petrunya), von Science-Fiction (Endzeit) bis zum experimentellen Tanzfilm (The Beast in the Jungle). Die Filme beschäftigen sich mit Fragen von Familienstrukturen, Flucht und Identität, wie etwa der brasilianische Beitrag Los Silencios, aber auch mit beißender Religions- und Patriarchatskritik, wie der Sundance-Preisträgerfilm The Miseducation of Cameron Post.

Es ist eine Freude, zu sehen, mit welcher Wucht die Filme daherkommen – auch die leiseren. Auf eine Hauptfigur wie in Teona Struga Mitevskas God Exists, Her Name is Petrunya hat man im Kino lange gewartet. Die von Zorica Nusheva verkörperte arbeitslose Historikerin könnte mit ihrem großen Körper, ihrem schönen Gesicht und ihrer stoischen Beharrlichkeit für einen Umbruch in den Castingpolitiken stehen. In Marie Kreutzers Der Boden unter den Füßen gibt Pia Hierzegger ihrer Figur der psychisch kranken Conny, die das durchgetaktete Leben ihrer erfolgreichen Unternehmensberaterinnen-Schwester erschüttert, einen herrlich anti-neoliberalen Drive. Auch Carolina Hellsgårds Chuzpe lässt staunen, wenn sie in ihrem Scifi-Zombiefilm Endzeit Weimar und Jena zu den letzten Orten menschlicher Zivilisation macht und damit einen interessanten Kommentar zur Wiedervereinigung liefert.

Nun gilt es, die Räume, die sich für Frauen* in der Filmbranche geweitet haben, zu sichern und auszubauen. Schaffen es die Festivalfilme ins Kino und Fernsehen? Wie genderkritisch agieren Verleiher, Kinos, die Filmkritik? Inhalte und Formen müssen weitergedacht werden. Welche und wessen Geschichten werden wie erzählt? Können Filmemacher*innen jenseits des weißen, heteronormativen Mittelschichts-Mainstreams Themen realisieren? Das sind die Aufgaben einer feministischen Filmpolitik der kommenden Jahre.
_Stefanie Görtz

Kuratorinnen:

Preisträgerinnen
2021: Jasmila Žbanić mit Quo Vadis, Aida? (BA/AT/RO/DE/NL/PL/FR/NO 2020)
2019: Teona Strugar Mitevska mit God Exists, Her Name Is Petrunya (MK/BE/SI/HR/FR 2019)
2017: Delphine und Muriel Coulin mit Voir Du Pays (FR 2016)
2015: Naomi Kawase mit Still The Water (JP/ES/FR 2014)
2013: Małgorzata Szumowska mit In The Name Of… (PL 2012)
2011: Athina Rachel Tsangari mit Attenberg (GR 2010)
2009: Maren Ade mit Alle Anderen (DE 2009)
2007: Andrea Arnold mit Red Road (UK 2006)
2005: Keren Yedaya mit Or (My Treasure) (IL 2004)

Jury

Terri Ginsberg

Terri Ginsberg ist Professorin für Film und Direktorin des Studiengangs Film an der American University in Kairo. Zuvor
promovierte sie an der New York University in Filmwissenschaften und lehrte Film-, Medien-, Literaturwissenschaft und
Cultural Studies an der Rutgers University, der NYU, am Dartmouth College, Ithaca College, SUNY-Purchase und an der City University of New York. Zu ihren Fachgebieten gehören palästinensisches/israelisches und deutsches Kino, der Holocaust im Film, Kritische Theorie, Gender- und Sexualitätsforschung und Theorie akademischer Lehre und Institutionen.
Neben wissenschaftlichen Publikationen schreibt sie auch für die Blogs Arabisto, ZNet, Mondoweiss und die Electronic
Intifada sowie als Kritikerin für Cineaste.

Sheri Hagen

Sheri Hagen, geboren in Lagos/Nigeria, aufgewachsen in Hamburg, absolvierte ihre Ausbildung an der Stage School of Dance and Drama Hamburg sowie im Studio Theater an der Wien. Neben zahlreichen Arbeiten für Film und Fernsehen (Das Leben der Anderen, Baal, Tatort, …) war sie an diversen Theaterproduktionen beteiligt. 2007 realisierte Sheri Hagen in Eigenproduktion ihr Kinder-Kurzfilmdrehbuch Stella und die Störche. Ihr Debüt Auf den zweiten Blick war der erste deutsche Spielfilm mit überwiegend afro-deutschem Cast. 2015 gründete Sheri Hagen die Produktionsfirma Equality Film GmbH. 2016 folgte ihr zweiter Spielfilm Fenster Blau. Derzeit bereitet Sheri Hagen ihren dritten Spielfilm Billie vor.


Filme von Sheri Hagen
Simply Different (Short) 2015 | Stella und die Störche (Short) 2007

Edima Otuokon

Edima Otuokon ist als Kommunikations-, Entwicklungs- und Strategie-Expertin auf die Geschäftsprozesse von Kleinst- und Kleinunternehmen spezialisiert. Sie hat über zwanzig Jahre in Nigeria und ganz Afrika in der Bildung, in der strategischen Regierungsberatung sowie im Veranstaltungs- und Unterhaltungssektor gearbeitet. Ihr neuer Fokus auf die afrikanische Filmindustrie
ergab sich aus ihrer Arbeit als Workshop- und Ausbildungskoordinatorin des Zanzibar International Film Festival und Managerin des Konferenzprogramms der Messe DISCOP. In diesen Funktionen wurde ihr die ungleiche Position von Frauen in Film, Fernsehen und den Medien bewusst und sie gründete die Ladima-Stiftung, eine panafrikanische Organisation zur Förderung von Frauen in der Medienbranche.

AT
2019
Spielfilm
108’

»Ohne den ständigen Drang, sich zu vergleichen und sich dadurch minderwertig zu fühlen und zu glauben, dass man mehr können […]

Endzeit

Carolina Hellsgård

DE
2018
Spielfilm
90’

Vor zwei Jahren haben Zombies die Erde überrannt. Weimar und Jena sind dank eines Schutzzauns die vermutlich letzten Orte menschlicher […]

Gott existiert, ihr Name ist Petrunya

Teona Strugar Mitevska

MK / BE / SI / HR / FR
2019
Spielfilm
100’

»Petrunija, eine ganz normale Frau, hat die Kraft, etwas zu ändern, eine Veränderung für uns alle zu bewirken.« – Teona […]

Just Like My Son

Costanza Quatriglio

IT / HR / BE
2018
Spielfilm
103’

Ismail ist vor Jahren als Kind mit seinem älteren Bruder Hassan aus Afghanistan vor dem Bürgerkrieg und der Verfolgung seines […]

Los Silencios

Beatriz Seigner

BR / CO / FR
2018
Spielfilm
89’

Amparo flieht mit ihren Kindern Nuria und Fabio vor dem bewaffneten Konflikt in Kolumbien auf eine Amazonas-Insel. Sie hat ihren […]

The Beast in the Jungle

Clara von Gool

NL
2019
Spielfilm
87’

»Es war die Wahrheit, glasklar und monströs, dass in all der Zeit, die er gewartet hatte, das Warten selbst sein […]

US
2018
Spielfilm
91’

»Die einzigen Mainstream-Geschichten über queere Frauen wurden von Männern realisiert – das regt mich auf.« – Desiree Akhavan Nach dem […]

Wajib

Annemarie Jacir

PS
2017
Spielfilm
96’

»Die Menschen müssen unaufhörlich für ihre Rechte und um die beschränkten Ressourcen kämpfen, aber sie sind eine bewundernswerte Spezies Mensch, […]