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Fokus

Türkei

»RESIST, CINEMA!«
STIMMEN TüRKISCHER FILMEMACHERINNEN

Die Unzufriedenheit mit dem urbanen Leben ist das beherrschende Sujet der meisten türkischen Filme im neuen Jahrtausend. Filmemacherinnen benennen dabei deutlich analytischer und provozierender politische Fehltritte, Klassenunterschiede sowie soziale und wirtschaftliche Verhältnisse. Auch der ländliche Raum, den die männlichen Regisseure normalerweise eindimensional mystifizieren, fungiert für sie als Kontext, in dem ihre Protagonist_innen sich ihren Problemen und Nöten stellen.
Yeşim Ustaoğlu ist die wohl bekannteste Vertreterin des neuen türkischen Kinos, das in den späten 1990er Jahren von jungen, unabhängigen Filmemacher_innen ausging. Sie waren auf der Suche nach neuen ökonomischen, ästhetischen und thematischen Perspektiven für die filmische Interpretation einer nationalen und individuellen Identität der Türkei. Bereits in ihrem ersten Spielfi lm İz, einem psychologischen Thriller über einen desillusionierten Polizisten, erkundet sie den Verlust der kollektiven Erinnerung und das drohende Gefühl von Schuld. Ihr zweiter Film, Güneşe Yolculuk (1999) stellt die offizielle Ideologie »Eine Nation. Eine Sprache. Eine Religion« in Frage. Bulutlari Beklerken (2004) wiederum untersucht die offizielle Geschichte in Bezug auf Verbrechen gegen religiöse Minderheiten, indem er das kollektive Gedächtnis, die Rolle der Sprache bei der Bildung von Identität und die Bedeutung von Heim, Heimat und Fremde hinterfragt. Ustaoğlus vierter Film, Pandora’nın Kutusu, bearbeitet das Spannungsfeld zwischen Modernismus und dem Gefühl, in der Tradition gefangen zu sein. Er wirft Fragen nach Erinnerung und Zugehörigkeit auf, die nach Ustaoğlu in der türkischen Gesellschaft bis heute ungelöst sind. Pelin Esmers Debüt-Spielfi lm 11’e 10 Kala veranschaulicht die Evolution/Erosion Istanbuls und den Zwang, die Erinnerungen zu löschen, um sich in die Moderne zu fügen, durch zwei Männer am Rand der Gesellschaft: ein passionierter Sammler und der Verwalter des Hauses, in dem er wohnt. Während ihr Umfeld im Namen des Fortschritts kollabiert (um angeblich »erdbebensicher« neu zu bauen), verbünden sie sich trotz aller Unterschiede in Alter, Status und Herkunft. Sie teilen ein Schicksal und wollen das kollektive Gedächtnis der Stadt und das Vermächtnis ihrer Zeit wahren.
Belmin Söylemez’ erster Spielfilm Şimdiki Zaman zeigt eine von massivem Rückbau geprägte Landschaft. Auch hier soll mit eleganten Shopping Malls und Boutique-Hotels, die alte Kinos, öff entliche Plätze und Parks ersetzen, das schnelle Geld gemacht werden. Unübersehbar sind dabei die Folgen der Politik einer zunehmend autokratisch agierenden Regierung, die seit den Ereignissen im Gezi Park 2013 immer wieder Ziel der Bürgerproteste ist. Newcomerin Deniz Akçay lenkt den Blick auf den Mikrokosmos Familie. In Köksüz beleuchtet sie die Welt einer perspektivlosen Jugend ohne Rollenvorbilder, in der eine junge Frau bei der Partnerwahl statt ihrem Herzen praktischen Erwägungen folgt.
Traditionell sind die Geschlechterrollen im türkischen Kino klar verteilt. In einer von Männern dominierten Branche werden Frauen – je nach Trend ‒ mystifi ziert, manipuliert, als Objekt oder schwach dargestellt. In den traumatischen Jahren nach den drei Staatsstreichen (besonders nach dem Militärputsch 1980) präsentiert man sie bis heute entweder als Opfer – durch physische oder psychische Gewalt verstummt ‒ oder als jungfräuliche Wunder- und Fantasiewesen, sofern sie überhaupt sichtbar sind. Ein frischer Wind weht dagegen durch die Produktionen der Filmemacherinnen, die wir hier vorstellen. Ihre Bilder sind unvoreingenommen und aussagekräftig und zeigen die vielfältigen Facetten des Lebens – von Frauen und Männern – in der modernen Türkei in all ihrerKomplexität und mit all ihren Herausforderungen.

_Gönül Dönmez-Colin

TR / FR / DE
2009
Spielfilm
110’

»Während Ali aufbricht und sich dem Chaos des Neuen stellt, bleibt der fragile kleine Herr Mithat, mit den dunklen, wachen […]