Programm

Internationaler Debüt-Spielfilmwettbewerb

»AN ALLE IN UNSERER BRANCHE, DIE TÖRICHTERWEISE IMMER NOCH DER IDEE NACHHÄNGEN, DASS FILME MIT FRAUEN IN DER HAUPTROLLE NISCHENPHÄNOMENE SIND. SIND SIE NICHT. DAS PUBLIKUM WILL SIE SEHEN UND TATSÄCHLICH KANN MAN MIT DIESEN FILMEN GELD VERDIENEN. DIE WELT IST RUND, LEUTE.«
CATE BLANCHETT BEI DER OSCAR-VERLEIHUNG 2014

Der Kölner Wettbewerb bietet dem internationalen Regie- Nachwuchs seit Jahren eine viel beachtete Plattform. 2014 werden erneut acht außergewöhnliche Debüt-Spielfi lme zu sehen sein, die aus über 120 internationalen Langfi lmdebüts der letzten zwei Jahre ausgewählt wurden. Fünf davon kann das Festival als Deutschlandpremiere präsentieren, darunter als Eröff nungsfi lm die vielfach ausgezeichnete Tragikomödie Los insólitos peces gato aus Mexiko. Die nominierten Filme kommen aus Chile, Frankreich, Mexiko, Österreich, Rumänien, Russland, Senegal und Spanien. Die Regisseurinnen erzählen Geschichten von Kindheit und Familie, Identität und Zugehörigkeit – häufi g vor der Folie der globalen Wirtschaftskrise – in beeindruckender Bildsprache und überraschend oft ökonomisch kurz erzählt. Die senegalesisch-französische Produktion Des étoiles von Dyana Gaye zeichnet die Migrations-Erlebnisse dreier Mitglieder einer senegalesisch-stämmigen Familie nach. Das komplizierte und extrem fordernde Leben in der Migration wird fühlbar, ohne dass die Figuren ihre Stärke verlieren. In Los insólitos peces gato wird Claudia, eine einsame junge Frau, zur Pfl egerin und Vertrauten von Martha, der schwerkranken aber starken Mutter von vier Kindern. Claudia Sainte-Luces autobiografi sch gefärbtes Debüt ist eine fröhliche und berührende Tragikomödie. Auch El árbol magnético von Isabel Ayguavives erzählt poetisch und humorvoll von der Sicherheit sowie der Beengtheit familiärer Beziehungen. Das Familientreff en auf dem Land wird zum Abschied vom geliebten Ferienhaus – ein magischer Ort, der viele zärtliche Erinnerungen evoziert und nun verkauft werden muss. Der dritte spanischsprachige Beitrag, La plaga begleitet im Short-Cuts-Prinzip fünf faszinierende Protagonisten, die an der Peripherie Barcelonas leben. Der Sommer ist heiß und eine Insektenplage ruiniert die Ernte. In ihrem eindrücklichen Hybrid zwischen Dokument und Fiktion beobachtet Neus Ballús detailgenau die Routinen ihrer Laiendarsteller und erzählt dabei viel über Spanien und letztlich auch Europa.
Die Beziehungsgeschichte Le sens de l’humour ist das Debüt der französischen Schauspielerin Marilyne Canto, die auch in der Hauptrolle der Elise zu sehen ist. Die Museumspädagogin lebt allein mit ihrem 10-jährigen Sohn Leo, ihre Aff äre mit Paul steckt im Chaos fest. Attraktion und das Bedürfnis, Paul wegzustoßen, wechseln sich ab. Mit Klarheit und Lakonik inszeniert Canto die Schwierigkeiten, eine Beziehung zu gestalten, wenn man nicht mehr zwanzig ist. Drei der Regisseurinnen stellen explizit Kinder ins Zentrum ihrer Filme. Inspiriert von einer realen Begegnung erzählt Eva Pervolovici die Geschichte von Marussia und ihrer Mutter Lucia. Seit sie von Moskau nach Paris gekommen sind, wandern sie auf der Suche nach einer Bleibe mit ihren Rollkoff ern durch die Stadt. Doch Lucia versucht stur, sich nicht unterkriegen zu lassen. Auch der 11-jährige Matei im rumänischen Beitrag Matei Copil Miner hat keinen sicheren Ort. Er lebt bei seinem Großvater, weil die Eltern in Italien arbeiten. Nach einem Streit fliegt er von der Schule und haut ab. Alexandra Gulea fi ndet selbst in den düstersten Momenten schöne, ruhige Bilder und Humor. Unsentimental erzählt sie mit Mateis Geschichte stellvertretend von den vielen Kindern in Rumänien, die elternlos aufwachsen, weil die Verhältnisse es erzwingen.
Talea ist das österreichische Debüt der Haneke-Schülerin Katharina Mückstein. Es ist die Geschichte der schwierigen Annäherung des Teenagers Talea und ihrer Mutter Eva, die nach einem Gefängnisaufenthalt versucht, wieder Tritt zu fassen. Um ihre unstillbare Sehnsucht nach Nähe zu nähren, erzwingt Talea einen Wochenendurlaub mit Eva.

Preisträgerinnen
2022: Gessica Généus Freda (HT / FR / BJ)
2020: Maya Da-Rin A Febre (BR/DE/FR)
2018: Carla Simón Estiu (ES)
2016: Ana Cristina Barragán Alba (EC)
2014: Neus Ballús La Plaga (ES)
2012: Belma Baş Zefir (TR)
2010: Susanna Nichhiarelli Cosmonauta (IT)
2008: Aurélia Georges L’Homme Qui Marche (FR)
2006: Claudia Llosa Madeinusa (PE)

Jury

Pelin Esmer

Pelin Esmer studierte in Istanbul zunächst Soziologie und besuchte dann einen Film-Workshop von Regisseur Yavuz Özkan. Für ihr Dokumentarfilmdebüt Oyun (2005) erhielt sie unter anderem den Best Documentary Filmmaker Award auf dem Tribeca Film Festival. Auch für 11’e 10 Kala, ihren ersten Spielfilm, erhielt sie international zahlreiche Preise. Pelin Esmer unterrichtete Dokumentarfilm in Istanbul und gründete dort 2005 ihre eigene Produktionsfirma Sine Film. Die Leiter_innen weltweit führender Filmfestspiele führten sie in Take 100: The Future of Film: 100 New Directors (Phaidon) als eine der vielversprechenden Regisseur_innen auf. Ihr Film Watchtower lief 2013 im Spielfilmwettbewerb des IFFF Dortmund | Köln. In diesem Jahr zeigt sie 11’e 10 Kala.

Julia Hummer

Julia Hummer, geboren 1980 in Hagen, gilt seit ihrem Kinofilmdebüt in Absolute Giganten (1999) als großes Talent unter den jungen deutschen Darstellerinnen. Sie war in Crazy von Hans-Christian Schmid zu sehen und erhielt 2001 für ihre Hauptrolle in Die innere Sicherheit von Christian Petzold die Goldene Kamera als beste Nachwuchsschauspielerin. Es folgten große Rollen in Northern Star, Gespenster und Carlos, der Schakal. 2005 fokussierte sie sich auf die Musik. Sie singt, spielt Gitarre und Mundharmonika und schreibt selbst Songs. Außerdem ist sie in vielen Hörspiel- und Hörbuchproduktionen zu hören. Für den Spielfilm Top Girl oder la déformation professionnelle, der beim Festival im Panorama zu sehen ist, kehrte sie auf die Leinwand zurück. Julia Hummer lebt in Hamburg.

Kim Yutani

Kim Yutani ist Kuratorin des Sundance Film Festivals, zuständig für Spielfilme und Kurzfilme. Außerdem ist sie die künstlerische Leiterin des Outfest Los Angeles LGBT Festivals, dem weltweit führenden Event für LGBT-Filmschaffen. Fünf Jahre lang war sie dort zuvor Programmdirektorin für die Sektionen »Outfest Los Angeles« und »Outfest Fusion« sowie für den Drehbuch-Workshop. Auch für das Raw Cut Festival in Warschau, das sich den Themen Hardcore und Punk-Rock widmet, kuratierte sie einzelne Programmsektionen. Kim Yuani war Mitglied des Nominierungskomitees für den in New York vergebenen Dokumentarfilmpreis Cinema Eye Honors. Vor ihrer Filmfestival-Tätigkeit war sie Journalistin und Filmkritikerin.

Des étoiles

Dyana Gaye

FR / SN
2014
Spielfilm
88’

»Es geht mir nicht darum, eine afrikanische oder senegalesische Identität bestimmen zu wollen, sondern mehr, eine Bewegung nachzuvollziehen, in diesem […]

El árbol magnético

Isabel Ayguavives

ES / CL
2013
Spielfilm
85’

»El árbol magnetico erzählt die einfache Geschichte von jemandem, der an den Ort zurückkehrt, wo er selbst oder zumindest ein […]

La plaga

Neus Ballús

ES
2012
Spielfilm
85’

»Aufgrund dieses Gefühls von Einsamkeit und Unsicherheit habe ich La plaga immer als einen zeitgenössischen Western gesehen. Auch, weil wir […]

Le sens de l’humour

Marilyne Canto

FR
2013
Spielfilm
88’

»Der Film rekapituliert die schwierige Beziehung eines Paares und die Rekonstruktion einer Familie lange nach einem Todesfall. Er untersucht, wie […]

Los insólitos peces gato

Claudia Sainte-Luce

MX
2013
Spielfilm
91’

»In den verschiedenen Figuren in Los insólitos peces gato steckt tatsächlich viel von mir drin. Ich bin sehr früh von […]

Marussia

Eva Pervolovici

FR / RU
2013
Spielfilm
82’

»Obwohl Lucia und Marussia jede Nacht ihr Quartier wechseln, wendet der Film sich nicht gegen das System und behandelt auch […]

Matei Copil Miner

Alexandra Gulea

RO / DE / FR
2013
Spielfilm
80’

»Während ich vor Jahren im Bukarester Hauptbahnhof drehte, war ich auf der Suche nach einem Jungen für eine Filmszene. … […]

Talea

Katharina Mückstein

AT
2013
Spielfilm
75’

»Die Sehnsucht, etwas über sich selbst herauszufinden, ist in uns eingeschrieben. Egal wie das Umfeld ist, in dem wir leben. […]