Programm

Internationaler Spielfilmwettbewerb für Regisseurinnen

»ES FINDET GERADE EINE KULTURELLE GEGENREVOLUTION STATT, WIE WIR AN JAROSŁAW KACZYNSKI SEHEN KÖNNEN, ABER AUCH IN RUSSLAND UND DEN USA, DIE VON MÄNNERN REPRÄSENTIERT WERDEN, DEREN POPULISTISCHE, AUTORITÄRE AGENDA FRAUENRECHTE UND NATURSCHUTZ DIREKT UNTER BESCHUSS NIMMT.«
AGNIESZKA HOLLAND

Zum siebten Mal wird in Dortmund der Preis für die beste Spielfilmregisseurin vergeben. Acht aktuelle Spielfilme konkurrieren um den Preis von 15.000 Euro, der zwischen der Regisseurin (5.000 Euro) und dem deutschen Verleih (10.000 Euro) aufgeteilt wird. Die Liste der bisherigen Preisträgerinnen ist illuster: Keren Yedaya (2005), Andrea Arnold (2007), Maren Ade (2009), Athina Rachel Tsangari (2011), Małgośka Szumowska (2013) und Naomi Kawase (2015). Dies macht die Idee des Wettbewerbs deutlich: Spielfilmregisseurinnen zu würdigen, die eigene Erzählweisen gefunden haben, und den Vertrieb ihrer Filme in Deutschland zu fördern.
Filme sind immer Ausdruck dessen, was für die Gesellschaft von Bedeutung ist, in der sie entstehen. Doch nicht jede*r bekommt die Chance, repräsentiert und gehört zu werden. Das gilt für die Positionen hinter der Kamera und auf der Leinwand. Komplexe Frauenfiguren, die etwas zu sagen haben, nicht-weiße Menschen, Menschen, die nicht den heteronormativen Seh- und Lebensgewohnheiten entsprechen, kommen im Mainstreamkino weiterhin kaum vor und erleben derzeit auch im realen Tagesgeschehen vermehrt politische Rückschläge.
Der diesjährige Wettbewerb versammelt Regisseurinnen, die solche Marginalisierungen durchbrechen – teilweise seit Jahrzehnten. Mit Sally Potter, Agnieszka Holland, Marion Hänsel und Dominique Cabrera sind gleich vier etablierte Regiegrößen nominiert.
In der Auswahl sind Filme von welt- und gesellschaftspolitischer Brisanz vertreten, und alle stellen starke und dennoch ungesehene, unerhörte Protagonist*innen in den Mittelpunkt. Hauptfigur von Hollands Pokot ist eine exzentrische, pensionierte Bauingenieurin, die ihren Feldzug für einen gerechteren Umgang mit der Natur startet. Der Thriller ist eine Allegorie auf die zutiefst gespaltene Gesellschaft, zu der Hollands Heimatland Polen unter der populistisch- nationalistischen Regierung geworden ist. Sally Potters starbesetzte britische Screwball-Satire The Party. ist ein wahres Feuerwerk von Gesellschaftskomödie. Potter rechnet mit Rollenklischees und politischen Idealen ab und erzählt von Menschen, die vor dem Brexit-Referendum »den Bezug zur Politik und ihre Fähigkeit verloren hatten, überhaupt noch zu beurteilen, was die Wahrheit ist.« (Sally Potter)
In anderer Form gilt dies auch für die beiden Soldatinnen in Voir du pays von Delphine und Muriel Coulin. Die Rückkehrerinnen aus Afghanistan verbringen mit ihrer Truppe drei Tage in einem Luxusresort auf Zypern – »Dekompression « heißt das im Militärjargon. Der Film findet eindrückliche Bilder für diese bizarre Lage und zeigt auf, wie schwer die Erfahrung von Gewalt wiegt. Auch Tess von Meg Rickards ist ein vehementer Appell gegen Gewalt und »Rape Culture«. Rickards schildert das Leben der jungen Sexarbeiterin Tess und liefert ungewohnte Eindrücke von der weißen Unterschicht Südafrikas.
Groß ist nach wie vor das Interesse an jungen Protagonist* innen. Wie gehen Heranwachsende mit sich verschärfenden Ressentiments um, wie finden sie ihren Weg in widersprüchlichen Gesellschaftssystemen, wie widersetzen sie sich patriarchalen Normen? Davon erzählen die Coming-of-Age-Geschichten Corniche Kennedy, Mãe só há uma und Peur de rien. Mit Marion Hänsel und ihrem maritimen Roadmovie En amont du fleuve schließt sich der Reigen von Menschen und Geschichten, die man in dieser Komplexität im Mainstreamkino selten findet.
_Stefanie Görtz

Preisträgerinnen
2021: Jasmila Žbanić mit Quo Vadis, Aida? (BA/AT/RO/DE/NL/PL/FR/NO 2020)
2019: Teona Strugar Mitevska mit God Exists, Her Name Is Petrunya (MK/BE/SI/HR/FR 2019)
2017: Delphine und Muriel Coulin mit Voir Du Pays (FR 2016)
2015: Naomi Kawase mit Still The Water (JP/ES/FR 2014)
2013: Małgorzata Szumowska mit In The Name Of… (PL 2012)
2011: Athina Rachel Tsangari mit Attenberg (GR 2010)
2009: Maren Ade mit Alle Anderen (DE 2009)
2007: Andrea Arnold mit Red Road (UK 2006)
2005: Keren Yedaya mit Or (My Treasure) (IL 2004)

Corniche Kennedy

Dominique Cabrera

FR
2016
Spielfilm
90’

Die Küstenstraße Corniche Kennedy in Marseille ist mit ihrem eindrucksvollen Panorama visueller Ankerpunkt von Dominique Cabreras sonnendurchflutetem Spielfilm. Hier, am […]

Don’t Call Me Son

Anna Muylaert

BR
2016
Spielfilm
82’

Pierre ist siebzehn und lebt mit seiner Mutter Aracy und Schwester Jacqueline in einem Vorort von São Paulo. Sein Leben […]

Parisienne

Danielle Arbid

FR
2015
Spielfilm
119’

Paris in den 90er Jahren. Die achtzehnjährige Lina ist gerade zum Studieren aus Beirut nach Frankreich gekommen; ihre Unterkunft bei […]

Spoor

Agnieszka Holland

PL / DE / CZ / SE / SK
2017
Spielfilm
128’

Janina Duszejko ist pensionierte Bauingenieurin und lebt in einem kleinen Bergdorf an der tschechisch-polnischen Grenze. Eines Tages verschwinden ihre geliebten […]

Tess

Meg Rickards

ZA
2016
Spielfilm
86’

Tess ist zwanzig und lebt als Sexarbeiterin im Küstenvorort Muizenberg bei Kapstadt. Mit Schmerztabletten, Alkohol und trockenem Humor schlägt sie […]

The Party

Sally Potter

UK
2017
Spielfilm
90’

Mit dem frontalen Blick in einen Pistolenlauf eröffnet Sally Potter ihre hochkarätig besetzte Gesellschaftssatire: Die Party kann beginnen. Geladen hat […]

The Stopover

Delphine und Muriel Coulin

FR
2016
Spielfilm
102’

Zwei junge Soldatinnen, Aurore und Marine, kommen von ihrem Einsatz aus Afghanistan zurück. Mit ihrer Truppe verbringen sie drei Tage […]

Upstream

Marion Hänsel

BE / NL / HR
2016
Spielfilm
90’

Auf einem kleinen Boot schippern Homer und Joé, zwei wortkarge Männer um die fünfzig, einen Fluss in Kroatien hinauf. Bis […]