Shirins Hochzeit
Helma Sanders-Brahms
Ein Dorf im türkischen Anatolien. Die junge Shirin soll gegen ihren Willen verheiratet werden. Sie flieht nach Köln. Als »Gastarbeiterin« versucht sie, zwischen Fabrikarbeit, Wohnheim und Tanzbars für »Gastarbeiter*innen« in Deutschland Fuß zu fassen. Sie begegnet einem Mann, dem sie vertraut – ohne zu wissen, auf wen sie sich einlässt.
Der Film gilt als der erste, der aus der Perspektive einer weiblichen »Gastarbeiterin« erzählt wird. Auf der Tonebene treten die Filmemacherin Helma Sanders-Brahms und ihre Hauptfigur sogar in einen Dialog, scheinbar, um der Figur einen Resonanzraum zu geben. Doch Shirin antwortet in gebrochenem Deutsch, und es stellt sich die Frage: Wer hat hier eigentlich die Hoheit?
Auch der Name der Hauptfigur deutet darauf hin, dass der Dialog nicht auf Augenhöhe stattfindet. Denn die Schreibweise Shirin ist fehlerhaft; korrekt lautet sie Şirin. In dieser Differenz lässt sich bereits eine Spannung erkennen, die den Film durchzieht: eine Form von Objektivierung, die sich als Fremdbestimmtheit manifestiert.
Der Film löst damals eine Welle der Entrüstung unter türkischen »Gastarbeiter*innen« gegen den WDR aus. Der Liedermacher Metin Türköz bespuckt Şirin bzw. die Hauptdarstellerin Ayten Erten wortwörtlich in einem seiner Lieder. Selbst im türkischen Parlament wird der Film diskutiert. Ayten Ertens filmische Laufbahn endet, kaum dass sie begonnen hat.
In Kooperation mit Köln im Film
Helma Sanders-Brahms
Helma Sanders-Brahms (1940–2014) studierte zunächst Schauspielerei, dann Lehramt – entschied sich aber schließlich für den Film. Sie arbeitete mit Pasolini und produzierte ab 1969 ihre eigenen, oft autobiografisch geprägten Filme. Buch und Produktion übernahm sie fast immer selbst. Mit Werken wie Unter dem Pflaster ist der Strand und Deutschland, bleiche Mutter wurde sie international bekannt. Ihr Werk wurde vielfältig ausgezeichnet, sie war Officier des Arts et des Lettres und Mitglied der Akademie der Künste in Berlin. 2003 gehörte sie zu den Gründungsmitgliedern der Deutschen Filmakademie. Sie starb 2014 nach langer Krankheit im Alter von 73 Jahren.
Filme von Helma Sanders-Brahms
So wie ein Wunder – Das singende Kino des Herrn Heymann 2012 | Geliebte Clara 2008 | Mein Herz – Niemandem! 1997 | Jetzt leben – Juden in Berlin 1995 | Manöver 1989 | Laputa 1986 | Alte Liebe 1985 | Flügel und Fesseln 1984 | Die Berührte 1981 | Deutschland, bleiche Mutter 1980 | Heinrich 1977 | Shirins Hochzeit 1976 | Unter dem Pflaster ist der Strand 1974 | Gewalt 1970