Preisträger*innen 2024
Aslı Özarslan gewinnt mit ELLBOGEN den Internationalen Debüt-Spielfilmwettbewerb 2024
choices Publikumspreis für den Dokumentarfilm COPA 71
Das Festival vergab am Sonntagabend insgesamt sechs Filmpreise mit Preisgeldern in Höhe von 17.000 Euro.
Am Sonntagabend erhielt Aslı Özarslan in Köln den mit 10.000 Euro dotierten Preis für die beste Regie eines Debüt-Spielfilms. Sie war eine von acht internationalen Teilnehmer*innen des internationalen Wettbewerbs. Über die Vergabe entschieden in der Jury die deutsche Schauspielerin und Aktivistin Thelma Buabeng, die Regisseurin Cristina Andreu Cueavas, Präsidentin des spanischen Verbandes von Filmemacher*innen CIMA, und die US-amerikanische Regisseurin Jennifer Reeder.
Ihre Entscheidung begründeten sie wie folgt:
»Wir zeichnen einen Film aus, der die Teenagerzeit junger Frauen feiert und zugleich ein erschütterndes Porträt systemischer Intoleranz zeichnet. Die Botschaft ist zeitgemäß und überfällig zugleich. Sie spiegelt die Situation der Frauen von heute wider und fordert uns auf, dafür zu sorgen, dass es den Frauen von morgen besser geht. Das Erwachsenwerden ist nicht für alle jungen Frauen gleich und scheint manchmal ein Ding der Unmöglichkeit zu sein, vor allem, wenn man ständig Außenseiterin ist und nur versucht, den Tag zu überstehen. So wie die Protagonistin dieses Films, die gleichzeitig unendlich verletzlich und unendlich widerstandsfähig ist. Für sie ist Frauenfreundschaft eine Überlebensstrategie, und am Ende des Films wissen wir nicht, wie sie den nächsten Tag überstehen wird. Dieser Film hat eine Energie von großer Dringlichkeit und erstaunlicher Authentizität – von den Performances vor der Kamera bis zur Zusammenarbeit hinter der Kamera. Eine solche Schwesternschaft ist nie selbstverständlich. Hier ist sie in jedem Bild dieses Films zu sehen, der uns allen als Weckruf zur Veränderung in Erinnerung bleiben wird. Es muss eine Veränderung geben. Frauen tragen die Last dieser Welt. Wir sind klug. Wir sind schön. Wir sind wütend. Wir haben Stimmen. Wir haben Ellbogen.«
ELLBOGEN ist die Verfilmung des Romans von Fatma Aydemir und feierte im Februar bei der Berlinale Premiere. Er erzählt die Geschichte der 17jährigen Berlinerin Hazal, deren Leben von Ausgrenzungserfahrungen in der deutschen Mehrheitsgesellschaft geprägt ist. Sie will eine Ausbildung, sie will glücklich sein. Nach einem gescheiterten Geburtstags-Clubabend geschieht ein folgeschweres Unglück und Hazal flieht von Berlin nach Istanbul.
ELLBOGEN war der Eröffnungsfilm des IFFF Dortmund+Köln und wurde in insgesamt vier ausverkauften Vorstellungen vom Publikum begeistert aufgenommen. Es ist der erste große Filmpreis für ELLBOGEN, den Aslı Özarslan am Abend bei der feierlichen Preisverleihung im Filmforum NRW persönlich entgegen nahm. Damit gewann erstmalig eine deutsche Produktion den Debüt-Spielfilmwettbewerb in Köln. Der Frankfurter Verleih jip film&verleih, auch Koproduzen von ELLBOGEN, wird den Film im Herbst in die Kinos bringen.
Die 41. Ausgabe des IFFF Dortmund+Köln war eine der erfolgreichsten in der Geschichte von Deutschlands ältestem internationalen Frauenfilmfestival – einem der größten weltweit. Zahlreiche Vorstellungen in den Festivalkinos Filmhaus Köln, Filmforum NRW, Odeon, Filmpalast und der Schauburg Dortmund waren voll und oft ausverkauft. Das Festival verzeichnete eine Rekordzahl von mehr als 500 Akkreditierten aus der Filmbranche, den Medien und von Hochschulen.
Die künstlerische Leiterin des Festival Dr. Maxa Zoller zeigte sich mehr als zufrieden und motiviert für die kommenden Festivals: »Eine Festivalausgabe, die Rekorde gebrochen und viele neue Wege eröffnet hat – sowohl filmisch, als auch, was das Netzwerk von weiblichen Filmschaffenden angeht. Ob die Politik auch den Weg zu einer gleichberechtigten Filmindustrie einschlagen wird, ob sie die Quotenförderung im Filmfördergesetz verankern und so Frauen ganz besonders unterstützen wird – das ist nun die Gretchenfrage.«
Die weiteren Preisträger*innen des IFFF Dortmund+Köln 2024
ECFA Short Film Award für KUGELFISCH von Julia Ocker
Seit 2020 vergibt das Festival den ECFA-Preis an den besten Kurzfilm für Kinder. Nominiert sind europäische Filme aus dem Kinder- und Jugendprogramm des Festivals mit einer Länge von bis zu 30 Minuten. Die Jury war 2024 mit Mitgliedern der European Children’s Film Association besetzt: Julia Fleißig (Lucas Festival Frankfurt), Tessa van Grafhorst (De Kinderbioscoop, Amsterdam) und Hilde Steenssens (Filem’On Festival, Belgien) zeichneten den vierminütigen deutschen Animationsfilm KUGELFISCH aus. Er geht der Frage nach, wie man als kleiner, friedliebender Kugelfisch große, bedrohliche Fische in die Flucht treiben kann…
Jurybegründung:
»Warum pumpen wir uns oft auf und tun so, als wären wir jemand anderes? Der Schein kann trügerisch sein. In diesem Film verbinden wir uns mit einem kleinen verspielten Fisch, der sich aufbläht, wenn er sich von einem größeren Fisch bedroht fühlt. Die Filmemacherin hat einen neuen Film geschaffen, in ihrem einzigartigen humoristischen, grafischen und kompakten Stil. Es ist ihr wieder gelungen, eine subtile und vielschichtige Geschichte in einem hellen Film zu erzählen. Die Regisseurin traut sich, buchstäblich aus dem Rahmen zu fallen, um deutlich zu machen, dass der kleine Fisch an seine Grenzen stößt. Julia Ocker hat es wieder geschafft, sie hat ein Juwel in ihrem Universum geschaffen.«
SHOOT Preis 2024 für Laura Engelhardt
KHM & IFFF Dortmund+Köln Nachwuchspreis für Künstler*innen der Kunsthochschule für Medien Köln
Der Nachwuchspreis Shoot ist eine von der Kunsthochschule für Medien Köln gestiftete Auszeichnung für die herausragende künstlerische Leistung einer Absolventin. 2024 ging der mit 1.000 € dotierte Preis an Laura Engelhardt für ihre Arbeit MASCHA. Die Jury war mit Conny Beißler (Bildgestalterin), Elke Kania (Filmwissenschaftlerin) und Nicole Rebmann (Kuratorin) besetzt.
Jurybegründung:
»Laura Engelhardt hat mit MASCHA einen intensiven Film über eine selbstbestimmte junge Frau gemacht, der nachwirkt und zum Nachdenken über gesellschaftliche Missstände anregt, ohne die Menschlichkeit aus dem Auge zu verlieren. Ihre neueste Arbeit ist ein Paradebeispiel für filmisches Erzählen: Story und Form werden mit einem tollen Gespür für Timing und Rhythmus gekonnt verbunden. Mascha trägt nur das Nötigste im Gepäck. Alle Einstellungen sind wohl überlegt und perfekt konzipiert. Dialoge sind auf ein Minimum reduziert, die ökonomische Erzählung vertraut auf die filmische Bildsprache. Die Verdichtung und Komprimierung verleihen dem Film eine Zeitlosigkeit. Es ist ein minimalistisches Drama, das Laura Engelhardt hier ausbreitet. Sie lotet einen Zustand der Krise aus, der die Protagonistin in ihren Möglichkeiten stark einschränkt. Diese ist trotz aller Härte kein Opfer. Ihre Entscheidungen basieren auf Klugheit, Selbstbestimmtheit und Unabhängigkeit. Sie wird stark, würdevoll und unprätentiös dargestellt. Wie Mascha auf die ökonomische Not und ihre prekäre Situation reagiert, ihre Beherrschtheit und Pragmatik bestimmt den Fortgang des Films. Geschickt bedient sich die Fiktion dokumentarischer Mittel. Die einfühlsame und realistische Darstellung eines virulenten gesellschaftlichen Themas trägt zur Authentizität und Eindringlichkeit des Films bei.«
Nationaler Wettbewerb für Bildgestalter*innen
Die Preisträger*innen waren bereits vor dem Festival ermittelt und bekannt gegeben worden. Die beiden Preise in den Kategorien Spielfilm und Dokumentarfilm gingen an die Bildgestalter*innen Caroline Spreitzenbart für den hybriden Dokumentarfilm Life is not a competition, but I’m winning und an Greta Isabella Conte für den Spielfilm DIE FEIGE SCHÖNHEIT. Die Jury war mit den Bildgestalter*innen Yoliswa von Dallwitz, Antonia Kilian und Agnesh Pakozdi besetzt. Sie vergaben außerdem eine lobende Erwähnung an Jana Bauch für den Dokumentarfilm WAS BRENNT.
Der Wettbewerb ist weltweit einzigartig und wird seit 2001 vergeben. In diesem Jahr wurden die Preisgelder von jeweils 2.500 € zum ersten Mal von dem Dortmunder Kameraverleih CineOne und sPOTTlight Dortmund gesponsert.
choices Publikumspreis
Der mit 1.000 € dotierte choices Publikumspreis ging an die britische Produktion COPA 71 von Rachel Ramsay und James Erskine. Sie gehen in ihrem Dokumentarfilm der Geschichte einer der am besten besuchten Frauensportveranstaltungen aller Zeiten nach – die Copa 1971 in Mexiko-City, die völlig in Vergessenheit geraten ist. Was ein Startschuss in den weltweiten Frauenfußball hätte sein können, fand keinerlei weitere Unterstützung. Der Film feierte beim IFFF Dortmund+Köln seine Deutschlandpremiere und lag nach Auszählung der letzten Stimmen im Publikumsvoting vorne. An der Abstimmung nahmen alle aktuellen Festivalfilme teil, die nicht älter als zwei Jahre sind und eine Filmlänge ab 60 Minuten haben.
Alle Preise wurden am Abend bei der feierlichen Preisverleihung im Filmforum NRW vergeben.
2025 wird das Festival mit seinem Hauptprogramm Anfang April wieder in Dortmund stattfinden.