Harvest
Harvest
Athina Rachel Tsangari
Gräser im Wind, eine Hand mit schwarzen Fingernägeln nimmt eine Schnecke auf. Der Mann, der hier Bäume, Wiesen, Wasser mit allen Sinnen erfasst, ist der Witwer Walter Thirsk, ein zum Bauern gewordener Städter. Er ist ein romantischer Antiheld, nicht ganz Teil des Dorfes, nicht wirklich draußen, und zerrissen zwischen der Loyalität zu den Dörflern und den Ideen des Fortschritts. Im Zentrum dieser impressionistischen Fabel des Untergangs steht eine kleine Gemeinde von abergläubischen Bauern und Schäfern. Es ist die Zeit des enclosure movement, das Land wird kartografiert, die Landwirtschaft kommerzialisiert und Allmenderechte gehen verloren. Wer hat Schuld? Die äußere Welt bricht in Gestalt eines patriarchalen Aristokraten in das Dorf ein, der das Land gewinnbringend modernisieren will. Im Inneren löst ein Feuer, das während der heidnischen Ernte-Festlichkeiten ausbricht, den Zusammenhalt auf. Man will um jeden Preis Schuldige benennen und ist schnell bereit, ein Trio unschuldiger Fremder gewaltsam zu verfolgen.
Mit fluiden Geschlechterrollen, ambivalenten Figuren, bissigem Witz und surrealen Bildern – etwa wenn die Kinder des Dorfes ihre Köpfe an einen Stein schlagen, um ihre Zugehörigkeit zu besiegeln – adaptiert Tsangari den Booker Prize-nominierten Roman von Jim Crace. Sean Price Williams schafft mit körnigem 16-mm-Material und überwiegend natürlichen Lichtquellen eine Atmosphäre, in der Idylle neben Brutalität steht. Harvest ist ein Film wie ein Gemälde. Ein a-zeitliches allegorisches Drama über Xenophobie und unkontrollierten Kapitalismus.
Gast: Athina Rachel Tsangari
Athina Rachel Tsangari
Die Filmemacherin und Produzentin Athina Rachel Tsangari gilt als zentrale Protagonistin des jungen griechischen Kinos. Sie studierte Vergleichende Literaturwissenschaft, Philosophie und Theater an der Aristotle University in Thessaloniki. Zudem absolvierte sie ein Masterstudium in Performance Studies an der New York University und ein Filmstudium an der University of Texas. Den Einstieg ins Kino fand sie durch eine Rolle in Richard Linklaters legendärem Film Slackers. The Slow Business of Going war ihr Abschlussfilm. Sie produzierte Filme wie Richard Linklaters Before Midnight oder Yorgos Lanthimos’ Dogtooth. Letzterer war Produzent ihres gefeierten Spielfilms Attenberg, der den Spielfilmpreis 2010 beim IFFF Dortmund+Köln gewann. In diesem Jahr Jahr ist Athina Rachel Tsangari Teil der Jury für den Internationalen Spielfilmwettbewerb des IFFF Dortmund+Köln.
Filme von Athina Rachel Tsangari
Chevalier 2015 | Borgia 2014, 24 Frames per Century 2013 | The Capsule 2012, Attenberg 2010 | The Slow Business of Going 2001