Sirens Call
Miri Ian Gossing & Lina Sieckmann
Ein Film, in den frau eintauchen kann wie in klares Wasser: Im Zentrum steht Gina Rønning, eine promovierte Psychologin aus Portland, Oregon, deren »mersona«, Una the Mermaid, durch den Film führt – oder besser: schwimmt. Una sucht nach Gleichgesinnten und findet sie in der tatsächlich florierenden Merfolk-Subkultur. Die Filmemacher*innen inszenieren Unas Geschichte(n) innerhalb der Architektur amerikanischer Konsumorte – die Mall, der Vergnügungspark, ein Wassertheater in Florida – deren »un-heimliche« Wirkung schon Jean Baudrillard mit seinem Begriff des Simulakrum feierte: Was ist Sein, was Schein? Daraus leiten sie die Frage ab: Was ist Dokumentation, was Fiktion? Die Kombination von körnigem 16-mm-Film und glitzerndem Schuppenkostüm bewirkt eine außergewöhnliche Seherfahrung, die sich sowohl inhaltlich wie auch visuell in einer metaphysischen Welt abzuspielen scheint.
Seit der Antike sind die Attribute der Meerjungfrau Ausdruck dessen, was Klaus Theweleit die »Angst vor der Körperauflösung« nennt: Wasser, Stimme, hybride Körper. Die Meerjungfrau steht symbolisch für das Fremde und birgt dadurch Gefahr. Bei Homer entgeht Odysseus den fatalen Gesängen der Sirenen nur knapp; bis heute setzt sich dieser Mythos in der rheinischen Loreley fort. Es ist den Filmemacher*innen gelungen, sich diese patriarchisch-tragische Erzählung der Meerjungfrau anzueignen und umzukehren: Der Film bedient sich der Figur der Meerjungfrau als Ausdruck eines Gefühls der Entfremdung in der heutigen Welt. Aus dem abschreckenden Symbol des Todes wird die Meerjungfrau zu einer kollektiven Bedeutungsträgerin für alle diejenigen, die im kapitalistischen System der Vereinzelung Gemeinschaft suchen.
Gäste: Miri Ian Gossing, Lina Sieckmann, Annie Sprinkle und Beth Stephens
In Kooperation mit dfi – Dokumentarfilminitiative im Filmbüro NW
Miri Ian Gossing & Lina Sieckmann
Miri Ian Gossing und Lina Sieckmann sind Künstlerinnen und Filmemacherinnen aus Köln. Sie studierten beide an der KHM Köln und der Kunstakademie Düsseldorf und arbeiten seit 2012 zusammen als Künstlerinnenduo Gossing/Sieckmann. Sie gründeten 2012 den unabhängigen Kunstraum Schalten und Walten in Köln sowie 2018 das Festival Blonde Cobra – Festival for Queer & Experimental Cinema. Gemeinsame Ausstellungen im Hamburger Bahnhof Berlin, in der Julia Stoschek Collection, beim International Film Festival Rotterdam, den Internationalen Filmfestspielen Berlin und in den Anthology Film Archives New York City.