Eine Krankheit wie ein Gedicht
Jelena Ilić
Jelena Ilićs Vater wurde wegen schwerer Körperverletzung verurteilt und verbringt viele Jahre in der forensischen Psychiatrie. Schippenweise Schutt birgt die Regisseurin aus seiner Wohnung; darunter seine künstlerisch inszenierten Selbstportraits. Dieses Bild zieht sich durch den gesamten Film, der nicht nur viel Persönliches aufarbeitet, sondern auch ein psychologisch reifer, vor kreativen Einfällen sprudelnder Debütfilm ist: Es geht um umgekehrte Eltern-Kind-Rollen, um die Poesie im Chaos und das Durchdringen (zu) einer Krankheit.
Ilić transportiert die gestörte Welt ihres psychotisch kranken Vaters durch die gemeinsamen und von ihr animierten Zeichnungen: Bis heute teilen sich die beiden ein Comicbuch, dessen Seiten sie abwechselnd mit Zeichnungen füllen. »Andere haben gemeinsame Abendessen, und wir haben unser gemeinsames Buch«, sagt Ilić selbstbewusst, aber nicht ohne einen melancholischen Unterton. Der Impuls, das Erlebte mit Kunst zu kommunizieren, verweist deutlich auf diese schon in der Kindheit aufgesaugte bildliche Form der Kommunikation. Aber diese Ausflüge in eine andere Ebene und die damit einhergehende Situationskomik bereichern das Genre des autobiografischen Dokumentarfilms – eine in den letzten Jahren stark verbreitete Sujetwahl bei jungen Filmemacher*innen – auf vielschichtige Weise. Der Film besticht durch seinen erfrischend punkigen Unterton. Die expressionistische Malerei des Vaters, angesiedelt irgendwo zwischen Art brut und Neue Wilde, prägt nämlich auch die ästhetische Heimat der Tochter, die der cleanen digitalen Welt eine gute Portion trotzigen post-post-Grunge-DIY entgegensetzt.
Im Anschluss an das Screening findet ein Talk mit Filmproduzentin Melanie Andernach (Made in Germany) und Content Creatorin Pocket Hazel statt.
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Jelena Ilić
Jelena Ilić ist Regisseurin und Autorin aus Köln. Sie studierte an der Kunsthochschule für Medien Köln und schloss 2021 mit ihrem mehrfach ausgezeichneten Kurzfilm Euphrat ab. Sie arbeitet sowohl dokumentarisch-essayistisch als auch fiktional. Für ihren Kino-Dokumentarfilm Eine Krankheit wie ein Gedicht erhielt sie 2025 den Encourage Film Talents Special Sauce Award sowie zuvor den Best Pitch Award beim Sehsüchte-Festival 2022 und den Stoffentwicklungspreis des Bundesfestivals Junger Film 2021. Ilić arbeitet an ihrem Spielfilmdebüt 5 Lifehacks to fall apart and be spread by the wind, in Zusammenarbeit mit Cécil Joyce Röski. Dafür wurde sie mit dem Pitch-Preis der Mitteldeutschen Medienförderung ausgezeichnet.