Werkstattgespräch Bildgestaltung: Sophie Maintigneux
Mit einem Leuchten fing alles an: Ihre einfühlsame Bildgestaltung in Éric Rohmers Le rayon vert machte Sophie Maintigneux in den 80er-Jahren bekannt. Es folgten rund 70 Filme, u. a. Ostkreuz (Michael Klier, 1991), Gotteszell (Helga Reidemeister, 2001), Die dünnen Mädchen (Maria Teresa Camoglio, 2008), Fräulein Stinnes fährt um die Welt (Erica von Moeller, 2009) und Petra Kelly – Act Now (Doris Metz, 2024).
Seit 2009 moderierte Sophie Maintigneux das vierstündige »Werkstattgespräch Bildgestaltung« beim IFFF in Köln, das durch ihre empathische Gesprächsführung und augenöffnende Analyse einen legendären Status beim Festival erhielt. Zum feierlichen Abschluss drehen wir die Rollen um und würdigen Sophies Errungenschaften als Bildgestalterin, als Lehrende und als Mitglied des Festivalteams. Dies kann nur im Kollektiv gelingen, und so werden folgende Wegbegleiterinnen mit ihr ins Gespräch gehen: Fernsehredakteurin und Hochschulkollegin Sabine Rollberg schaut auf Sophies Lebenswerk, Regisseurin Erica von Moeller spricht mit ihr über die Bildgestaltung im szenischen Film, während die Bildgestalterin Susanne Schüle auf den Dokumentarfilm schaut. Bildgestalterin Katharina Diessner würdigt Sophies Arbeit in der Lehre. Wie sehr diese Filmschaffenden ihre Wegbegleiterin schätzen wird in den folgenden Statements klar:

Erica von Moeller
Sophie Maintigneux ist nicht nur eine großartige Kamerafrau, sie ist vor allem eine Persönlichkeit mit unglaublich wachen und empathischen Augen. Über ihren warmherzigen Blick schafft sie eine ganz intime Beziehung zu den Schauspielern, die sich vor ihr und später auch vor der Kamera auf ungeahnte Weise öffnen. Mit Iris Berben oder Sandra Hüller oder auch den vielen Kompars*innen habe ich das immer wieder erlebt. Sie alle wissen sich in den besten Händen bzw. Augen, wenn Sophie ihr warmes, weiches Licht setzt, wenn sie den Spielenden ihren maximalen Raum gibt und wenn ihrem wachen Blick auch nichts entgeht. Dann entstehen Bilder und Szenen von großer Tiefe und poetischer Schönheit. Und damit verändern ihre Bilder nicht nur den Blick der Kinozuschauer, sie verändern auch den Blick der Gefilmten selbst.

Susanne Schüle
Sophie war für mich und für viele Generationen von Bildgestalterinnen mit ihrer Kameraarbeit ein Vorbild. Unermüdlich hat sie sich dafür eingesetzt, unsere Arbeit sichtbar zu machen. Ihre Filme sind immer politisch relevant. Sie erzählen von Themen, die oftmals in unserer Gesellschaft tabu sind. Ihre Studierenden hat sie gelehrt, eine Haltung einzunehmen, gegenüber dem Stoff, dem Team, dem Leben. Alle haben dies geschätzt; auch wie sensibel sie mit feinem Gespür im Dialog den essenziellen Kern einer Geschichte herausschälen kann. Sophie, du steckst uns an mit deiner Leidenschaft für das Licht und für die Menschen vor deiner Kamera. Und: Über alles schätze ich deinen Sinn für Humor.

Katharina Diessner
Sophies Arbeit als Bildgestalterin ist beeindruckend, aber mindestens genauso beeindruckend ist ihre Arbeit als Dozentin. Sie hat Generationen von Studierenden inspiriert, gefordert und gefördert, und egal wie unterschiedlich wir waren – wir waren alle Fans von ihr. Ihre absolute Liebe für den Film, ihre Genauigkeit der Bildanalyse, der kritische und empathische Blick auf jeden Film, den wir gedreht haben, hat uns alle tief geprägt und bestärkt, eine eigene Handschrift zu entwickeln. Danke, liebe Sophie, dass du mit uns immer deine Liebe zum Film, aber auch das Handwerk dafür geteilt hast.

Sabine Rollberg
Sophies Bilder zeigen, dass sie Menschen liebt, denn sie fängt sie nicht ein, sondern gibt ihnen Raum und lässt sie erstrahlen. Sie zaubert mit Licht und öffnet damit unerwartete Dimensionen in den Protagonisten, erzählt so über das Drehbuch hinaus eine weitere Ebene. Sie setzt Worte in Bilder um, gibt den Filmen Tiefe und Höhenflüge. Ich hatte das Privileg, eine Reihe ihrer Filme als Redakteurin zu betreuen und auch mit ihr gemeinsam zu unterrichten. So habe ich Sophie zunächst von zwei Seiten kennengelernt, als kreative Künstlerin und hingebungsvolle Lehrende. Schließlich kam eine dritte Seite hinzu: In Kommissionen zeigte sie, wie sie auf der Klaviatur von Einfluss und Macht spielen kann, voller Charme, aber auch – wenn es darauf ankam – mit Durchsetzungskraft und Biss. Disziplin und Ausdauer sind ihre Tugenden, die sie als Mitgift auf ihrem sehr besonderen Lebensweg und ihrer steilen und sehr bemerkenswerten Karriere begleitet und beschützt haben.