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Liquid Positions – Situated Knowledges

Cana Bilir-Meier, belit sağ, Nanna Heidenreich

Ein Gespräch zu Filmen von Cana Bilir-Meier und belit sağ

MODERATION: NANNA HEIDENREICH

FILMEMACHERIN: »DU BIST STILL, NUR WIR SPRECHEN.«
PROTAGONISTIN: »HA!«
FILMEMACHERIN: »JETZT SIND WIR STILL UND DU SPRICHST.«
DIALOG AUS SEPT- OCT. 2015, CIZRE | REGIE: BELIT SAĞ

Cana: Um die eigene Haltung in einen Kontext zu stellen und zur Diskussion, ist es entscheidend, klar zu machen, von welchem Standpunkt aus ich mich äußere und wen ich adressiere. Ich untersuchte zum Beispiel die Migrationsgeschichte Deutschlands und der Türkei in den 1960er Jahren, als meine Großeltern als GastarbeiterInnen von der Türkei nach Deutschland kamen. […] Wie erinnern wir uns? Wer profitiert von Erinnerung? Erinnern ist ein stets unvollendeter Prozess und in sich fragmentiert. Und es ist in höchstem Maß mit einer Art aufbauenden Geschichtsschreibung verbunden – ein Prozess, in dem immer wieder eine neue Geschichte hinzugefügt wird. Und es ist von Bedeutung, wer diese
Geschichte schreibt, wer sie sammelt, wer sie erzählt, wer Zugang dazu hat und wer sie benutzen kann. […].

belit: Wie können wir das Archiv transformieren? Ich bin involviert bei bak.ma (einem digitalen Medienarchiv sozialer Bewegungen in der Türkei) und wir beschäftigen uns damit, ein dynamisches Archiv zu entwickeln, das benutzt, verteilt und in dem auf unterschiedliche Art geforscht werden kann. Eines, das so weit wie möglich zugänglich ist. […] Ein Archiv muss so dynamisch sein wie das Leben selbst. Ein persönliches Archiv hat viele verschiedene Eigenschaften, jede Arbeit, die du machst, erzählt zuerst einmal von dir selbst.

Cana: Eine andere Frage ist die Grenze zwischen dir und den anderen. Während du ein Projekt entwickelst, filmst du, siehst die Nachrichten im Fernsehen, du betrachtest dich selbst, du sprichst mit anderen und du hast das Archiv und die Erinnerung. Nach einer Zeit vermischt sich alles. Du spielst mit den verschiedenen Standpunkten. Für mich ist das Filmemachen oder Texteschreiben niemals abgeschlossen.

Dieser Dialog ist ein Auszug aus dem Artikel »Dokumentaristiken – Dokumentation und ihre Eigenschaften« aus dem Magazin Version Nr. 3.

Cana Bilir-Meier

Cana Bilir-Meier, geboren 1986 in München, lebt und arbeitet in München, Hamburg und Wien. Sie studierte an der Akademie der bildenden Künste und der Schule Friedl Kubelka in Wien sowie an der Sabancı-Universität in Istanbul. Ihre Arbeiten wurden national und international ausgestellt. Darin beschäftigt sie sich mit Fragen nach sozialer, kultureller, emotionaler sowie struktureller Teilhabe und Gleichberechtigung von Migrant*innen und Nicht- Migrant*innen.


Filme von Cana Bilir-Meier (Auswahl)
Bestes Gericht 2017 | Ein Raum mit Bildern von Provinzen 2015 | Semra Ertan 2013

belit sağ

belit sağ ist eine bildende Künstlerin, deren jüngere Arbeiten sich auf Bildgewalt und Bilder von Gewalt fokussieren. Sie studierte Mathematik in Ankara und Audiovisuelle Kunst in Amsterdam. Die Wurzeln ihrer Auseinandersetzung mit Video liegen in der Arbeit in videoaktivistischen Gruppen in Ankara und Istanbul. Ihre Werke waren u.a. im MOCA, Taipei, auf der documenta14, Kassel, auf den Filmfestivals in Toronto, Rotterdam, San Francisco und New York, dem IDFA und dem EYE Filmmuseum in Amsterdam sowie im Tütün Deposu, Istanbul, dem Marabouparken in Stockholm und dem Flaherty Film Seminar NYC zu sehen.

Nanna Heidenreich

Nanna Heidenreich ist Professorin für Digital Narratives – Theory an der ifs internationale filmschule köln. Im Sommer 2016 vertrat sie die Professur für Medienkulturwissenschaften an der Universität Hildesheim, von 2011 bis 2016 war sie wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Hochschule für Bildende Künste in Braunschweig. Von 2009-2017 war sie Ko-Kuratorin  des Forum Expanded bei der Berlinale. Heidenreich hat zahlreiche Publikationen im Bereich kritische Migrationsforschung, visuelle Kultur, postkoloniale Theorie, Politik/Kunst/Kino veröffentlicht und war Teil des Organisationsnetzwerks für das Tribunal »NSU-Komplex auflösen«.