Glaubt nicht, dass Afghanistan so weit von uns weg ist!
Das IFFF Dortmund+Köln hat während der Berlinale seine Plattform mit dem Internationalen Frauenfilmfestival Herat geteilt und zu konkreter Solidarität aufgerufen.
Unter den zahlreichen Veranstaltungen während der diesjährigen Berlinale gehörte das internationale Treffen des IFFF Dortmund+Köln gewiß zu denen von großer politischer Relevanz. Das IFFF Dortmund+Köln stellte engagiert die politische Bedeutung von Filmen und Festivals in den Mittelpunkt und teilte unter dem Titel »The Connection: Women’s Film Festivals Now« am Festival-Dienstag seine Plattform mit dem afghanischen Herat International Women’s Film Festival. Gemeinsam mit Roya Sadat, Regisseurin und Gründerin des Festivals, und Nelofer Pazira, Journalistin und Menschenrechtsaktivistin, würdigten IFFF-Festivalleiterin Maxa Zoller und Kuratorin Betty Schiel die bahnbrechende kulturelle und soziale Wirkung des Festivals, das bis 2020 in Herat, Kabul und weiteren Städten stattfand und mit der Machtübernahme der Taliban 2021 sein jähes Ende fand.
Die Festivalgründerin Roya Sadat arbeitet aus dem Exil in Washington daran, diese wichtige Plattform auch in der Diaspora lebendig zu halten. Denn das Bedürfnis nach Bildern und Repräsentation ist besonders für Frauen und filmschaffende Frauen immens. Nelofer Pazira fand klare Worte: „Zeigt uns nicht nur mit Worten, dass es euch leidtut, wir müssen das gemeinsam lösen. Wir dürfen uns nicht in Sicherheit wägen, Afghanistan sei so weit weg. Geographie ist irrelevant, wenn es um Menschenrechte geht. Jedes Mädchen, das nicht zur Schule gehen darf, ist das Problem von uns allen.“ Die Expertinnen machten auch deutlich, dass es eine große Zahl talentierter afghanischer Filmschaffender in der Diaspora gibt, die der Möglichkeit beraubt sind, Bilder zu schaffen und Geschichten zu erzählen. Pazira und Sadat schilderten eindrücklich die Folgen für Frauen und Mädchen in Afghanistan, das seit viereinhalb Jahren wieder unter der unerbittlichen Unterdrückung der Taliban-Herrschaft leidet. „40 Millionen Menschen leben in Geiselhaft, die Frauen sind komplett zum Schweigen gebracht, aus dem öffentlichen Raum verbannt. Ihnen werden ihre grundlegenden Menschenrechte und jede Menschlichkeit vorenthalten“, so Pazira.
Sichtbarkeit, Solidarität, Netzwerke
Gemeinsam mit über 100 internationalen Gästen aus der Filmbranche wurden Möglichkeiten konkreter Unterstützung diskutiert. Pazira benannte Eckpfeiler dessen, was jetzt gebraucht wird, um weiter unabhängige Bilder aus afghanischer Perspektive zu erhalten: Sichtbarkeit, Solidarität, Netzwerke! Neben Online-Plattformen zur filmischen Ausbildung plädierte sie dafür, künstlerische Residenzprogramme ins Leben zu rufen. Denn die Filmemacher*innen und Künstler*innen im Exil kämpfen in einem neuen Land ums Überleben, es gilt sie aus ihrer Isolation zu befreien, ihnen Kontakte und die Fortsetzung ihres filmischen Arbeitens zu ermöglichen.
Neues Format: Herat International Women’s Film Festival in Exile
Das IFFF Dortmund+Köln stellte in Berlin außerdem das Format Herat International Women’s Film Festival in Exile vor – eine Carte Blanche für die afghanischen Kolleginnen beim Internationalen Frauen Film Fest Dortmund+Köln vom 22. bis 26. April 2026. Den Auftakt macht das Festival mit einem Programm, das die Deutschlandpremiere des Dokumentarfilms »In the Room« von Brishkay Ahmed präsentieren wird.
Weitere Festivals wie das Internationale Nürnberger Menschenrechts-Filmfestival werden diesem Beispiel folgen und Programmplätze zur Verfügung stellen. So kann das Herater Festival zu einer transnationalen filmischen Plattform für Geschichten und Bilder aus Afghanistan werden. Kooperation und Solidarität, die einfach, relevant, konkret und aktivierend sind – das ist es, was wir in diesen Zeiten mehr denn je brauchen.
Die Veranstaltung fand am 17. Februar 2026 im Institut français Berlin statt und wurde von der Film- und Medienstiftung NRW gefördert.
Text: Stefanie Görtz, Fotos: HEIDI SCHERM FOTOGRAFIE
Radiobeitrag WDR 3 Resonanzen, 19.02.2026, Link
»Solidarität statt Mitleid« taz, 19.02.2026, Link